Das Netz, der Feind?

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Die „Digital“-Rubrik der „Zeit“ hat mich in letzter Zeit wirklich ausgesprochen beeindruckt. Mal positiv, wie mit dem Artikel Wie man eine Generation verliert, mal negativ, wie mit einem Rundumschlag gegen das Internet. Doch solange sich positiv und negativ abwechseln, kann man immerhin sicher sein, dass die eigene Meinung mindestens teilweise Ausdruck findet – an dieser Stelle ein ausdrückliches Lob an Die Zeit!

Seit gestern kann sich die Blogosphäre wieder einmal über einen ewiggestrig daherkommenden Redakteur echauffieren. Das Netz als Feind hieß bzw. heißt der aktuelle Vorstoß aus der Riege der Möchtegern-Weltversteher und Gutmenschen, die sich jedoch einfach nur als „Internetausdrucker“ entpuppen.
Nach mehreren Behandlungen des Themas „Internet + Journalismus + Zukunft = ?“ und einer jeweils großen Masse an Repliken auf die auslösenden Artikel quer durchs Netz, beschränke ich mich zunächst auf eine Verlinkung auf Internet, Bildungsfeindlichkeit und Intellektuellenhass von Marcel Weiss auf Netwertig.com – eine schöne Reaktion auf Soboczynskis unglaublich arroganten und ignoranten Erguss auf ein Publikum im Internet, das er in seiner Gesamtheit mit Lesern „mit technokratisch verschlüsselten Namen wie muehl500“ gleichsetzt – das trifft hart 😉

Um jedoch nicht in das zu verfallen, was „Internetausdrucker“ häufig allen Bloggern dieser Welt vorwerfen, nämlich haltloses Herumgemeckere an jeglicher Kritik: Was man dem Artikel zugute halten muss, sind solche Passagen:

Die meisten von Zeitungs- und Magazinverlagen geführten Internetangebote neigen mittlerweile dazu, in bislang ungeahntem Ausmaß leicht Bekömmliches dem argumentationslastigen Stück, die Nachricht der Analyse vorzuziehen.

Was man nicht vollständig leugnen kann, beachtet man ab und zu reißerischste Überschriften auf SpOn („Horror-Crash auf der A…“ ) inklusive kurzweiliger, doch meist extrem informationsarmer Videos. In dieser Hinsicht drängen sich auch noch die „Klickschleifen“ auf, die das Durchblättern einer Zeitung bei Betrachtung der Fotos ins Digitale übersetzen – So sieht kein Qualitätsjurnalismus aus!

Doch solch „lichte Momente“ Soboczynskis Kritik sind erstens verpackt in komplettes Unverständnis, gepaart mit einer unfassbaren Arroganz, und zweitens entbehren sie der Erkenntnis, dass der geübte Leser auch filtern kann. Er beschränkt sich auf Inhalte, die ihn interessieren und weiterbringen. Und er bewertet, was er sieht. Eine Fähigkeit, die Soboczynski ihm abspricht.

Es geht vom prinzipiell egalitaristisch strukturierten Netz eine normierende Gewalt aus, deren prägnantester Ausdruck die Bewertung von Serviceleistungen sind. Wer über Google Maps einen Orthopäden in seiner Nähe sucht, dem wird sogleich der Quotient von Beurteilungen über dessen Praxis angezeigt, die, bei Lichte besehen, grob rufschädigend sind.

Ganz ehrlich: Ich habe es auch schon geahnt. Das Web 2.0 ist eine einzige Gleichmacherei…

Weiterführende Links
Die bereits erwähnte Replik Internet, Bildungsfeindlichkeit und Intellektuellenhass von Marcel Weiss

Auf Carta.info ruft Robin Meyer-Lucht dazu auf, gemeinsam Satz für Satz zu sezieren

Thomas Knüwer nennt es einfach „Bürgerjournalismus

Update: Gero von Randow antwortet in seinem Artikel Geistesaristokratie auf Soboczynskis Pamphlet.

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