Der große Online-Stempel – Ein Kommentar

by

Der hier kommentierte Artikel ist Qualitätsjournalismus: In der Grotte der Erinnerung von Miriam Meckel auf FAZ.net

Sind Sie „ON“? – Was bitte?
Wie sehen Offline-Menschen die Welt? Sie sehen sie wahrscheinlich geteilt in eine On- und eine Offline-Welt. Ganz im Gegensatz zu Online-Menschen. Der Begriff ist unschön, aber „Digital Natives“ gefällt mir auch nicht unbedingt.

Daher erläutere ich lieber genau: Wie kann jemand über die Zukunft des Journalismus, ja sogar des „Qualitätsjournalimsus“ philosophieren, wenn er sich folgenderweise äußert

Wollen wir unsere informationelle Zukunft entwerfen als Netzwerk verschalteter Neuronen und verlinkter Datenströme, getrieben durch ein Programm, das immer Gleiches rekombiniert, um es uns als Wirklichkeit zu präsentieren? Wenn nicht, dann brauchen wir weiterhin den professionell organisierten Ausbruch aus diesem Kreislauf. Wir brauchen Menschen, die von ihrem Schreibtisch aufstehen und sich von ihrem Computer lösen, um zu beobachten, was in der Welt geschieht.

und damit Journalisten meint? Und nur Journalisten meint, also denkt, dass Blogger sich nicht von „ihrem Computer lösen“?

Um direkt ein relativ prominentes Gegenbeispiel zu nennen (neben jeder bloggenden oder sonstwie im Netz aktiven Person, die sich doch z.B. tatsächlich auch vom „Schreibtisch löst“ und in der Welt neue Reize aufnimmt): Sascha Lobo interviewt auf seinem Blog Franziska Heine, die Initiatorin der Petition gegen Netzsperren. Wie ein Beitrag, den ich kürzlich gelesen habe sinngemäß (Ich habe ihn leider nicht wiedergefunden, für einen Hinweis auf den Beitrag würde ich mich sehr freuen!) treffend formulierte: „Zeitungen lassen Sascha Lobo die Interviews machen, die sie machen sollten“.

Ja, Franziska Heine würde inzwischen noch mehrmals interviewt und war auch in der Tagesschau. Jedoch nachdem die mutmaßliche Horde von „Menschen, die unter Recherche nur das Googlen eines Suchbegriffs“ verstehen, die Petition zum Überaschungserfolg der Woche gemacht hatten. Miriam Meckel scheint dies ausgeblendet zu haben.

Doch der Reihe nach.

Die Intention
Wenn zurzeit eine Debatte jeden Journalisten beschäftigt bzw. beschäftigen sollte, so ist es die Zukunft von Zeitungsverlagen. Das Internet, Blogs, „Privatjournalisten“, Google Books, Google News: Flexibilität ist gefragt, Veränderung wird gefordert. (Blogtsssssss..: Gepixelt oder gedruckt?)
Daher ist es nur zu begrüßen, wenn eine renommierte Tageszeitung wie die FAZ einem Artikel zu diesem Thema Platz bietet. Dennoch kann ich mich einiger Gedanken zu Frau Meckels Theorien nicht entledigen. Nach der philosophischen Einleitung geht es ans Eingemachte:

Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert. Das bringt zum Beispiel nicht nur dem Leser einer Tageszeitung oft ein Lesevergnügen, es sorgt auch für die soziale Synchronisation unserer Gesellschaft.

Der Begriff der „sozialen Synchronisation“ schreit schon geradezu nach „Blogs mit Kommentarfunktion!“, nach „Tweete mich, verbreite diesen Link!“, sowie natürlich auch nach lebhaften Diskussionen mit Mitmenschen von Angesicht zu Angesicht. Daher erwartet der geübte Leser gleich eigentlich eine Lobeshymne auf die Neuerungen und Chancen des Web 2.0.

Falsch erwartet:

Das Internet hat dem professionellen Qualitätsjournalismus einen bunten Strauß an publizistischen Aktivitäten an die Seite gestellt, bei dem Amateure zu Autoren werden, die eine subjektive, volatile und momentorientierte Berichterstattung praktizieren. Das ist zunächst eine Ergänzung, die eine spannende Herausforderung bekannter Öffentlichkeitskonzepte bedeuten und die Herstellung von Inhalten demokratisieren kann.
Doch sie hat Konsequenzen: Wie lässt sich ein professionell angelegter Qualitätsjournalismus noch finanzieren, wenn Informationen im Netz zur Commodity werden und kostenlos zu haben sind?

Anstatt zu Fragen, warum der professionell angelegte Qualitätsjournalismus die Herausforderung nicht als Chance begreift, wird einfach die altbekannte Frage nach der Finanzierbarkeit gestellt. Doch wie soll diese Frage geklärt werden, bevor „Qualitätsjournalismus“ sich weiterentwickelt hat? Ich frage auch nicht nach meinem Gehalt, bevor ich weiß welchen Beruf ich ergreife.

Wie dem auch sei, Frau Meckel zieht eine Antwort von der Internetunternehmerin Ariana Huffington (Vorstellung auf huffingtonpost.com) heran:

Die Zukunft liegt nicht im Qualitätsjournalismus, der durch ein Mediensystem getragen ist. Sie liegt in einer Kombination aus Bürgerjournalismus und stiftungsfinanzierten Investigativfonds

(Opening Remarks of Arianna Huffington for the Senate Subcommittee on Communications, Technology, and the Internet’s Hearing on „The Future of Journalism“)

Das hört sich einerseits gewöhnungsbedürftig, andererseits einfach innovativ an. Meckel denkt dazu:

Stattdessen (statt traditionellem Journalismus, Anm.) berichten Bürger für Bürger, indem sie ihre Lebenserfahrung und die Beobachtungen ihrer Lebenswelt im Netz veröffentlichen. Und wenn nicht eine Stiftung sich bereit erklärt, für Recherche zu bezahlen, dann beruht diese Bürgerberichterstattung auf nichts anderem als der permanenten Reproduktion und Neukombination von vorhandenen Informationen, wie sie im Netz längst üblich ist.

Das ist nun streitbar. Ich möchte nicht behaupten, dass die „Blogosphäre“ voll und ganz sinnvoll ist. Sie ist es ebensowenig wie das gesamte Spektrum an Zeitschriften. „Lisa“, „Laura“, „Das Goldene Blatt“ etc. sind mindestens genauso eine Beleidigung für den Intellekt wie diverse DSDS- oder BigBrother-Blogs. Auch mit vielen „Wir haben ein Kind bekommen“-Blogs (Bei Interesse einfach einige Male auf den Pfeil oben Rechts in der Ecke klicken.) kann ich mich nicht anfreunden. Doch natürlich soll jeder schreiben was er mag, dafür sind Blogs nunmal optimal.
Doch dies meint Frau Meckel höchstwahrscheinlich garnicht. Mit der Reproduktion und Neukombination ist eventuell sogar genau das gemeint, was ich (als Schüler und „aus Spaß“) gerade vollziehe. Das Aufteilen eines Artikels, um Argumente genau zu beleuchten und zu kommentieren. „Wiederkäuen“ wenn man es unschön ausdrücken möchte. Sicher, das ist ein Teil des Netzes. Fast genau wie in Zeitungen Filme, Äußerungen von Politikern oder sonstige Medienvorkommnisse durch Journalisten kommentiert werden. Natürlich hat Frau Meckel recht, wenn sie meint, dass eine Berichterstattung nicht nur hieraus bestehen könne. Doch man muss erkennen, dass ein Teil des „Qualitätsjournalismus“ auch genau das ist, und das ist auch in Ordnung so. Warum sollte man Bloggern dieses Recht absprechen? Wenn „Bürgerberichterstattung“ dem Leser besser gefällt – bitteschön!
Damit stehen Journalisten im Verhältnis zu „Bürgerjournalisten“ wie Microsoft zu OpenSource. Eine Konkurrenzsituation.

Welchen Weg nimmt der professinelle Journalismus? Es liegt in seiner Hand
Womit wir beim nächsten Punkt wären: Frau Meckel bestreitet die Möglichkeit der Finanzierung von Recherche, also professionellem Journalismus durch eine Art Stiftung. Wieder fällt mir OpenSource ein. Ich bin kein großer Spendenfreund, wirklich nicht. Durch Spenden wird nichts dauerhauft erhalten, der Sinn erschließt sich mir nicht. Doch wenn ich mir überlege, ein Zeitungs/Zeitschriftenabo zu kündigen, um zwei meiner Lieblingsblogs am Leben zu erhalten, bzw. Ihnen die Finanzierung der Recherche mitermöglichen – Ich wäre dabei.

Doch wer außer Frau Huffington würde sich anmaßen, die Zukunft des Online/Qualitäts/Journalismus genau zu kennen? Genauso nämlich würde ich z.B. ein Print-Abo behalten, wenn mir die Publikation gefällt. Ihren Online-Auftritt kann Sie damit sicherlich auch (zumindest mit-)finanzieren. Denn –Good news, everyone!– das Internet bietet für jeden Mehrwert. Businessinsidder.com mag Google News. Traffic bringt nicht nur Google Werbeerträge. Natürlich funktioniert aber im Internet für die breite Masse kein 2€/Artikel-Modell. Wer dies versucht, ist selber Schuld.

Der Algorithmus hat einen Fehler gemacht!
Unter der Unterüberschrift Recherche ist mehr als die Suche bei Google und Co. schildert Frau Meckel, wie in Google News irrtümlich eine alte Meldung als neu datiert wurde, und somit United Airlines Börsenkurs ins Wanken brachte. Der Absatz endet

Die softwarebasierte komplexe Generierung von „Nachrichten“. Eine virtuelle Informationswelt eben.

Ein automatischer Vorgang hatte wohl eine falsche Auswahl getroffen. Wer einen Suchbegriff eingibt und glaubt danach nicht mehr denken zu müssen, der hat selber Schuld. Soll hier gerade ernsthaft versucht werden, eine suboptimale Softwarefunktion für das Handeln sich darauf verlassender Menschen verantwortlich zu machen?

Man kann es kaum glauben.
Voll und ganz disqualifiziert sich Frau Meckels Gedankengang, wenn man mal ein Zitat aus ihrem Text und einen Link nebeneinanderstellt:

Wir brauchen Menschen, die unter Recherche mehr als die Eingabe eines Begriffs in eine Suchmaschine verstehen.

vs.
Wie ich Freiherr von Guttenberg zu Wilhelm machte
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Am Ende erkennt Frau Meckel auf einmal:

Der Journalismus muss sein Überleben auch selbst in die Hand nehmen und für sich argumentieren. Er muss seine Kunden überzeugen, dass journalistische Qualität einen sozialen Wert hat, der wiederum eines materiellen Gegenwerts bedarf.

Am Schluss ein schöner Gedanke, das freut doch! Natürlich, dem stimme ich voll und ganz zu. Der Journalismus muss für sich selbst Verantwortung übernehmen, und sich nicht einfach nur über das böse, böse Google ärgern.

Ein kleiner Nachsatz löst wieder Unverständnis aus:

Und dafür muss eine Gesellschaft bezahlen.

Wie jetzt? Eben hieß es noch, dass sich auf den „Goodwill von Stiftungen“ nicht verlassen werden kann. Und jetzt soll „die Gesellschaft“ für den bereits überzeugten Kunden den Journalismus finanzieren? Frau Meckels Aussage wird hier nicht ganz klar klar.

Was soll man davon halten?
Es ist eigenartig zu beobachten, wie wenig sich scheinbar mit den Möglichkeiten des Web 2.0 auseinandergesetzt wird, bevor es kritisiert, bevor pauschal ein „Online ist dieses und jenes“-Stempel bemüht wird. Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt. Doch warum provozieren „professionelle Medienprofis“ einen Grabenkrieg, den es überhaupt nicht geben muss?
Mit ihren voreiligen Schlüssen stellt sich Frau Meckel für mich in eine Reihe mit Susanne Gaschke, deren einstigen FAZ-Beitrag „Die Netzanbeter“ Tapio Liller auf seinem Blog par excellence zerlegt.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Der große Online-Stempel – Ein Kommentar”

  1. Pena Tursta Says:

    Herzlichen Dank, endlich habe ich den Sachverhalt ganz verstanden 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: