Gepixelt oder gedruckt? (Update)

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Wieder einmal ist eine Diskussion um das Urheberrecht entbrannt. Im Bereich der Musik erscheint die Aufregung abgeklungen, seit es die Möglichkeit gibt, zu fairen Preisen online legal Musik einzukaufen. Nun geht es um das gedruckte, oder eben nicht gedruckte Wort. Unglücklicherweise ist die Situation und damit die Diskussion sehr unübersichtlich.
„Blogs vs. Printmedien“ ist schon fast ein alter Hut, nicht durchsetzbae Bezahlmodelle für journalistische Inhalte beklagt jeder Verleger, Google ist mit seinem „Google Book Search Settlement“ mal wieder ganz forsch, Amazon bringt mit „kindle“ ein eigenes Lesegerät auf den Markt und die Kultur ist mit dem Internet sowieso am Ende – hört man auf einige Stimmen.

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Das alte Zeitungsproblem
Manchmal hat es jedoch den Anschein, als ob hier zuviel vermengt wird. Natürlich geht es immer mehr oder weniger um „Urheberrecht“, doch auf verschiedenen Ebenen. Die Meinung Professor Dr. Jan Hegemanns, erschienen in der FAZ, irritiert zum Beispiel:

Journalistische Websites können nach der Mechanik des Internets offenbar fast nur gratis erfolgreich verbreitet werden. Wie aber können Verlage und Journalisten ihr geistiges Eigentum im Netz schützen und an seiner wirtschaftlichen Verwertung angemessen beteiligt werden? Eine Analyse des geltenden Zivil- und Urheberrechts führt zu der Erkenntnis, dass es an einem durchsetzbaren originären Investitionsschutz für den Presseverleger fehlt.

Einmal Satz für Satz: Inhalte werden im Internet nur kostenlos angeboten werden können, korrekt. Verlage und Journalisten sollen ihr Eigentum schützen können und am Gewinn daraus beteiligt werden, natürlich. Die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen gestaltet sich ob des deutschen Rechts als schwierig. Das mag sein.
Doch für welche Nische spricht der Artikel? Ist das Lesen und verlinken eines Artikels schon eine Urheberrechtsverletung? Zeitungen stellen Inhalte schließlich kostenlos auf ihre Seiten, es ist kein geklautes Material, das man dort Tag für Tag liest. Eine teilweise Zitierung mit Verlinkung kann im Ernst niemand als Diebstahl ansehen, der sich auch nur eine Minute mit dem Wesen des Internets auseinandergesetzt hat.
Ein sehr schlauer Satz dazu: „Links sind die Währung des Internets“ Dies gilt umso stärker in Zeiten des Web 2.0, wo einfache Inhalte ohne weitere Interaktionsmöglichkeit fast als tot betrachtet werden. Nicht nachvollziehbar ist auch folgende Aussage:

[…] kanalisiert der Internet-Gigant Google mit seinem Hauptangebot und auch mit seiner Nachrichtenseite „Google News“ den Zugriff auf die Online-Angebote der Zeitungen, verwertet entgeltfrei deren Inhalte und schöpft die Werbebudgets ab.

Das Verwerten erfolgt auch per direkter Verlinkung auf die Onlineauftritte der Zeitungen. Welch ein Unding (Ironie)! Jetzt mag man Google als den Teufel schlechthin bezeichnen, aber Traffic für einen Internetauftritt ist dann doch ein ganz gutes Argument, um sich mit ihm einzulassen. Hört man Heise dazu, klingt das ganze auch garnicht mehr böse:

Anwender, die den gesamten Artikel lesen wollen, werden über einen Link zur Quelle im Web geführt. Große Nachrichten-Sites von Tageszeitungen in Deutschland beziehen zum Teil rund ein Drittel ihres Traffic durch Google-News-Verlinkungen

Thomas Knüwer schreibt in Bezug dazu auf seinem Blog:

Es gibt tatsächlich den Klau kompletter Artikel, die auf verlagsfremden Web-Seiten auftauchen. Als Gegenmittel aber existieren auch Programme, die dies ausfindig machen können. Die Verlage verdienen schon heute ein Zubrot aus diesem Rechte-Management.

Verlage und das „neue“ Problem
Es ist also eigentlich ein geringes Problem, das Prof. Dr. Hegemann hier beschreibt. Doch es entsteht der Eindruck, die Zeitungen litten ebenfalls unter der von Google mit aller Macht und Kraft vorangetriebenen Digitalisierung des gesamten Buchbestands. Dabei ist das Problem ein älteres: Sie finden kein Geschäftsmodell im Internet, nach wie vor.
Aufgesprungen wird jedoch lieber auf die Debatte, in der Google, wie es häufig formuliert wird, den „Verlagen das Zukunftsgeschäft entreißt“. Nun, man fragt sich wie langsam Menschen eigentlich begreifen können, dass das Internet und die Digitalisierung neue Geschäftsfelder eröffnen. Diese müssen jedoch auch erschlossen werden.

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International newspaper - Stefano Corso

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Das Vorgehen von Google ist sicher forsch und damit kritisch zu beäugen. Die Frage ist jedoch, wie Verlage mit dem Verkauf von eBooks ihr Revier abzustecken in der Lage sind damit es nicht heißen muss: Google Books oder Papier. Circa 20€ (libri.de) für ein aktuelles eBook, manchmal etwas weniger, sind „Musikindustrie-Fehler“-verdächtige Preise. Raubkopien wird es zwar immer geben, aber nur in dem Maße, in dem Preise ungerechtfertigt sind. Hier muss der Digitalisierung die Hand gereicht werden. Noch ist Amazons kindle in Deutschland nicht verfügbar. Doch kommt es auf den Markt, mit günstig einzukaufenden Buchtiteln dazu, darf man sich auf Erfolgsmeldungen aus der Amazon-Zentrale freuen.

Absolut lesenswert, besonders zu diesem Aspekt: „Es war einmal“ von Jürgen Neffe, Zeit.de (Auch wenn es wohl kaum einen Menschen gibt, der allen Überlegungen Neffes zustimmen wird. Zum Beispiel die Finanzierung der vierten Gewalt durch steuerliche Mittel ist meines Erachtens nach einfach absurd, das nur am Rande.)

Heidelberger Appell – Auch nicht sinnvoll
Angefacht wurde und wird die Debatte um unser Urheberrecht in der heutigen Zeit besonders durch den „Heidelberger Appell“. Beim Lesen erscheint er absolut schlüssig und zu befürworten. Doch die „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“ wird zusammen mit der Initiative „Open Access“ mehrfach diskreditiert. Hierdruch disqualifiziert sich der Appell eigentlich völlig, denn offenbar wurde sich nicht einmal darüber informiert, was „Open Access“ überhaupt ist und bedeutet. Hierauf macht Christoph Drösser in der „Zeit“ aufmerksam.

Anstatt also an Verlage zu appellieren, die Zukunft selber in die Hand zu nehmen und Google in einem ordentlichen Wettbewerb die Stirn zu bieten, wird eine beispielhafte und zukunftsfähige Initiative plakativ verwendet, um das Internet zu dämonisieren. Am Schluss wird von der Regierung gefordert, das Urheberrecht zu verteidigen. Gut, für eine pauschale Verletzung wird schon niemand plädieren.

Beim zweiten Nachdenken sollte man jedoch merken, dass es mit der Kompetenz einiger Berliner Köpfe im Bereich „Internet“ nicht allzu weit her ist, wie Ursula eindrucksvoll zeigt. Forderungen nach aggressiverem Vorgehen in Zeiten der Einführung von Netzsperren halte ich daher für höchst gefährlich – Forderungen nach Ausweitung der Sperren gibt es ohnehin genug, wie zu erwarten war.

Wer macht das Rennen?
Um es einmal klarzustellen: Geistiges Eigentum muss respektiert werden. Ohne Honoration kann weder Journalismus noch Kultur existieren. Was Google anstrebt ist der Versuch der Erlangung einer Monopolstellung auf einen Schlag. Doch ob dieses Vorhaben überhaupt glücken kann, ist keineswegs sicher, wie auch in der FAZ zu lesen ist. Aber es gilt sowieso: Wer bei Googles Buchprojekt nicht mitspielen möchte, kann dies tun. Andernfalls gehen die Erlöse aus der Werbung auch nicht vollständig an Google, also wird niemand gegen seinen Willen beraubt.

Damit bleibt die Frage, wer den Kampf um das transportable, digitale Buch gewinnen wird. Ob es überhaupt ein solch großer Markt wird, oder schon Netbooks vielen Nutzern ausreichen. Punktet Amazon mit einem Stück Hardware, bei dem man einen Rabatt auf alle verfügbaren Bücher erwirbt? Hat Sony Erfolg mit dem Book Reader ohne spezielle Buchsubventionierung? Bildet sich eine deutsche Verlagsinitiative, die Bücher auf Wunsch mit Hyperlinks spickt und für 8€ das digitale Stück verkauft? Oder gewinnt gar Google mit einem neuen „AndroBook“, das jedoch leider nur per Netzsperren-Umgehung, dann jedoch auf jedes beliebige Buch zugreifen kann?

Update 7. Mai, 16:50
Unter der Überschrift Du böses Google, Du! schreibt Thomas Knüwer, dass sich Businessinsider.com sehr für Google News begeistern kann – eben aufgrund der Menge an Traffic, die über Google News vermittelt wird. Dies ist die Bestätigung der Vermutung, die die von mir weiter oben schon erwähnte heise-Meldung entstehen lässt. Zeitungen sollten sich glücklich schätzen, über Google News Traffic zu erhalten.

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4 Antworten to “Gepixelt oder gedruckt? (Update)”

  1. Der große Online-Stempel – Ein Kommentar « Blogtsssssss.. Says:

    […] Google Books, Google News: Flexibilität ist gefragt, Veränderung wird gefordert. (Blogtsssssss..: Gepixelt oder gedruckt?) Daher ist es nur zu begrüßen, wenn eine renommierte Tageszeitung wie die FAZ einem Artikel zu […]

  2. Das digital gedruckte Wort und seine Auswirkungen Says:

    […] dass sich einige hier geäußerte Gedanken schon im Ansatz auf “Blogtsssssss” finden: Gepixel oder gedruckt? Share […]

  3. Von der Eckkneipe zum Internet in nur einem Gedankengang Says:

    […] Doch ganz im Ernst: Die Parallelen wird jawohl niemand bestreiten wollen. Ich frage mich, warum neuerdings so viele Menschen in leider einflußreichen Positionen das Internet verteufeln, heißen sie nun Burda, Ursula, arbeiten sie beim DJV oder schreiben gerne Appelle. […]

  4. Journalismus: nicht umsonst, aber kostenlos Says:

    […] im “Heidelberger Appell” (Dazu: Gepixelt oder gedruckt? auf Blogts…) Schriftsteller, Gelehrte und andere ihre merkwürdigen Ansichten zum geistigen […]

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