Akustische Vergewaltigung

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Es war entspannt. Es war nett. Gut, es lief nicht meine bevorzugte Musikrichtung. Aber man konnte sich unterhalten, bei diesem netten abendlichen Beisammensein. MacBook und Teufel 5.1-System haben die Ohren wenigstens hinsichtlich der Tonqualität nicht belästigt. Aber natürlich reichte irgendwem die lokale 20-Gigabyte-Musikauswahl nicht, und es musste Musik über YouTube gehört werden.
Music
Der Teufel ist ein (Audio)Stream!

An schlechte optische Qualität bei YouTube-Videos mag man sich gewöhnt haben. Man erkennt ja meist, was „gemeint“ ist, und der Gag des Videos kommt trotzdem rüber. Nach 2-5 Minuten ist der Spuk dann auch meistens vorbei.
Das Wesen des Musikgenusses ist es, sich an Klängen und Stimmen zu erfreuen. Für die ist auf der 32 kBit/s-Tonspur der besagten Videos jedoch definitiv kein Platz! Kennt man ein Lied nicht, kann mit einem Titel grade nichts anfangen, ist YouTube natürlich die Wahl der Stunde. Reinhören, identifizieren, fertig. Es will mir aber absolut nicht in den Kopf, wie man auf diese Weise ernsthaft Musik „hören“ kann. Es ist schon eine Sache des Selbstwertgefühls, in Genussfragen eine Untergrenze für die Einstufung als „lohnend“ bzw. „nicht lohnend“ vorzunehmen. Ein Weinliebhaber trinkt doch auch lieber keinen Wein, als zum Discounter-Tetrapak zu greifen.

Und es kommt noch härter
Dies alles findet im Online-Gehege statt. Keine Internetverbindung, keine Sound-Artefakte. Ha, Wunschdenken!
Autofahrt, CD läuft. Zunächst unsicher, ob sich das Auto-Soundsystem überanstrengt, höre ich genauer hin. Nein. Doch. Fassungslosigkeit.
Wer verewigt denn bitte ein Lied mit gefühlten 64 kbit/s auf CD? Den Glauben an das Gute im Menschen habe ich mit dieser Erkenntnis endgültig verloren.
Die Übeltäter: Google-Suche nach „Youtube Converter“: ungefähr 9.790.000 Treffer. „Hol dir die dreckige Soundqualität jetzt auch für unterwegs!“, oder wie lautet das Motto dieser Plageprogramme?

Bist du es dir Wert?
Ein nach allen Regeln der Kunst geripptes Lied herunterzuladen oder per USB-Stick zu erhalten, ist mE genauso eine Urheberrechtsverletzung wie das Abgreifen des YouTube-Audiostreams. Wenn schon illegal, dann doch bitte mit guter Qualität, also ersteres! Das dauert länger und ist anstrengender, aber wie schon erwähnt: Besser garnicht, als grottig. Mit dem nach und nach erfolgenden Abschied von DRM bieten Online-Musikgeschäfte zudem endlich faire Konditionen, das sollte man auch beachten. Amazon macht hier seit kurzem dem iTunes Store Konkurrenz (Meldung auf Computerbase.de)
Eine kurze Recherche ergibt, dass die Audiospur bei YouTube-Videos maximal wahrscheinlich 128 kbit/s hat. Zwangsläufig ist die Qualität also nicht grottenschlecht, das nur fürs Protokoll. Wie wenige der Uploader diesen Rahmen ausnutzen, erstaunt mich wirklich.
Dies ist kein Plädoyer gegen das MP3-Format, Streaming, das Internet oder YouTube. Es ist ganz einfach erschreckend, wie viele Mitbürger die grottige Qualität ihres Musik“genusses“ nicht zu stören scheint. Ein ähnliches Phänomen übigens, wie das allseits beliebte Musikhören per Handy: Mindere Qualität, genervte Umwelt.

Logische Konsequenz?
Dies ist im Prinzip die logische Folge der MP3-Kultur, wenn man es so nennen möchte. Musik gefällt vielen sofort oder garnicht, da sofort das nächste Lied verfügbar ist. Beim Platten- und CD-Hören kann zwar auch der nächste Track angewählt werden, doch die durchschnittliche heutige Musiksammlung bietet als „Next Track“ eben mehrere Tausend zur Auswahl. Mit Videoportalen wird die Bibliothek nun fast unendlich groß.
Daher ist auch die Aufregung um dieSperrung von Musikvideos auf YouTube nicht nachvollziehbar. Darüber hinaus beeinträchtigt sie diesen Trend nur in geringem Maße, wie die Nichtsperrung vieler Songs zeigt. Eine Einigung wird sicher erfolgen, auch wenn sie einige Wochen dauern sollte.

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Eine Antwort to “Akustische Vergewaltigung”

  1. Blip.fm mal wieder - Weniger wäre mehr Says:

    […] Musikhörens ins Boot geholt: YouTube. (Warum Teufel? “Blogtsssssss” hat die Antwort) Seit längerer Zeit schon zieren die ersten hundert (übertrieben) Suchergebnisse kleine […]

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