Zentralabitur live

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Eine kleine Bemerkung zum Anfang: Ich behandle in diesem Beitrag das Zentralabitur in Schleswig-Holstein, also die identische Aufgabenstellung der Abituraufgaben in bestimmten Fächern.
Darüber hinaus findet das Abitur für den aktuellen 13. sowie 12. Jahrgang „noch“ mit Leistungskursen statt, der aktuelle 11. Jahrgang hat bereits die „Profiloberstufe“. Das heißt, dass statt Leistungskursen Profile gewählt werden, nach denen sich die Art der Fächer und ihre Stundenzahl richtet. Auch besteht hier der Klassenverband bis zum Ende der Schulzeit. Gleichzeitig wachsen derzeit in der Mittelstufe die ersten G8-Schüler hoch, die das Abitur also im 12. Jahrgang erwerben werden.
Dieser Beitrag beschränkt sich also auf die erste von drei einschneidenden Änderungen des Bildungsweges auf einem Gymnasium in Schleswig-Holstein.

Ich hörte davon zuerst… keine Ahnung wann. Es war auf jeden Fall der Zeitpunkt, an dem klar wurde: Wir sind der zweite Jahrgang, der Zentralabitur macht. Was man sich leicht denken konnte, auch bei wenig Auseinandersetzung mit dem Thema, ist das erklärte Ziel dieses neuen Vorgehens: Vergleichbare Ergebnisse. Soweit Daumen hoch; wer wünscht sich das nicht, einen Schritt in Richtung „Fairness“ beim Bildungsabschluss?
Wie eine identische Aufgabenstellung bei nicht-geklonten Lehrern mit verschiedenen pädagogischen Fähigkeiten, unterschiedlichen Qualifikationen usw. ein vergleichbares Ergebnis bringen soll, darüber machte ich mir zu dem Zeitpunkt keine Gedanken; ja dachte gar nicht an diese Fragestellung. Da war ich dem Zentralabitur gegenüber eher positiv eingestellt. Dies ist auch damit zu erklären, dass ich bis in den Eintritt in den 12. Jahrgang Aufgaben von Lehrern bekam, die größtenteils selbst erdacht waren. Natürlich gab es auch schon daher „dumme Aufgaben“. Ob diese Einschätzung tatsächlich auf der Qualität der Aufgabenstellung oder der zum Bearbeiten nötigen Motivation beruhte, sei einmal dahingestellt. Doch einen „größeren“ Konflikt als Schüler-Aufgabe bzw. daraus folgend Schüler-Lehrer gab es nicht.
Darüber hinaus war der Unterricht logischerweise auf die Aufgaben abgestimmt, was ja in der Natur der Sache liegt. Welcher Lehrer stellt Aufgaben, zu denen vorher nichts „Passendes“ bearbeitet wurde? Er springt schließlich nicht aus sich heraus und würfelt ein Thema, egal ob der gemeine Schüler auf dem Gebiet bewandert ist oder nicht.
Hier kann man sicherlich argumentieren, dass es Lehrer gibt, die ihre Schüler zu punktuell auf ihre Abituraufgaben vorbereiten und damit die Schüler benachteiligen, deren Lehrer auf mehr Eigeninitiative setzen. Dass genau hier das Zentralabi ansetzt, ist auch klar. Doch die Realität offenbart eine Vielzahl von exorbitant großen Schwächen des Zentralabis, die es definitiv zum sehr viel größeren Übel machen.

So gibt es „Themenkorridore“, die die zu behandelnden Themen enthalten. Aktuell, von 2008 bis 2010 für den LK Englisch: „Republic of South Africa“ sowie „Growing up in post-bicentennial America“. Das hört sich ja ganz nett an; etwas dritte Welt, ein bisschen Amerika. Dass diese Themen 9 und 10 Unterthemen haben, hört sich auch noch nicht besonders befremdend an. Es ist das Abitur, dafür sollte jawohl die Bereitschaft zum Lernen da sein. Das ist sie selbstverständlich auch, das Problem ist ein anderes.
Die zwei Englisch-Leistungskurse meiner Schule sind mit jeweils über 30 Schülern besetzt. Verständlicherweise möchten die wirklich motivierten und gutmütigen Lehrer uns gut auf das Abitur vorbereiten, auf das sie aber keinen Einfluss haben. Das ist, kurz beschrieben, die Situation, auf die das Zentralabi trifft.

Übersetzt heißt „Englisch-LK mit 30 Schülern“, dass ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Schüler ein Leistungsgefälle verursacht. Bei Gruppen über… sagen wir mal, 15 Schülern liegt das einfach in der Natur der Sache, der Lehrer kann hier nur sehr sehr wenigen gerecht werden.

Nun haben wir:

  • einen motivierten Lehrer
  • einen Haufen Schüler unterschiedlicher Begabung
  • Abituraufgaben, die der Lehrer nicht gestellt hat, und deren Bewertungsschema er mehr oder weniger übernehmen muss
  • zu guter Letzt einen proportional mit der Gutmütigkeit des Lehrers ansteigenden Haufen Texte über Amerika und Südafrika

Es ist, kurz gesagt: Ein Informationsamoklauf des Lehrers. Der absolute Overkill an Texten und Widersprüchlichkeiten. Statt intensivem Unterricht mit Niveau, zielgerichteter Vorbereitung in einer überschaubaren Schülergruppe, in der wahrscheinlich sogar „Binnendifferenzierung“ wegen der unterschiedlich starken Schüler möglich wäre, findet eine endlos breite, aber nicht gehaltvolle Massenabfertigung statt.

Das absolute Sahnehäubchen, quasi und praktisch der Kosakenzipfel der „Bildungsoffensive“ Zentralabitur sind die zentralen Abiaufgaben. Hier möchte ich die Probleme kurz darstellen.
Zuerst: Nein, ich bin nicht irgendwo in Kiel in ein Ministerium eingebrochen und habe Aufgaben gestohlen. Wir bekommen zur Übung seit geraumer Zeit „gebrauchte“ Abiaufgaben aus dem letzten Jahr, oder welche mit ähnlicher Formulierung.
Nun stelle man sich eine Lehrerpersönlichkeit vor, mit der man nicht besonders gut klarkommt, mit der die Chemie einfach nicht stimmt. Mit den Aufgaben derselben nun, mit denen kann man einfach bei bestem Willen nicht umgehen. So etwas sollte jeder kennen oder sich daran erinnern können. Das Zentralabi wäre nicht das Zentralabi, wenn es diesen Mißstand nicht um ein Vielfaches (Ja, es ist ein Ding der Superlative) schlagen könnte. Anscheinend sind die Aufgaben von Menschen gemacht, die mit der realen Welt nur sehr ungern in Berührung kommen. Gewiss sagt man „normalen“ Beamten eine gewisse Realitätsferne und Isoliertheit in ihrer kleinen, sicheren Beamtenwelt nach. Doch schließt man von den zentralen Abituraufgaben auf die „Hintermänner“ derselben… es wird einem Angst und Bange. Im Dunkeln möchte ich diesen Menschen nicht begegnen.
Es wird beispielsweise verlangt, einen Lexikoneintrag über das Leben des Protagonisten einer vorliegenden Geschichte zu verfassen. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen. Ein Lexikoneintrag. Mit allem drum und dran, Abkürzungen etc. wären für eine hohe Punktzahl sicher nicht schlecht.
Dem gemeinen Schüler wird doch nicht umsonst etwa das GANZE Schulleben lang eingebleut, was in ein Summary gehört und was nicht? Was die sogenannten „Operatoren“ analyze, outline, speculate, compare, examine etc. genau verlangen? Doch, wird es. Und das ist nichtmal falsch, denn die Schüler hier auf einen gewissen Standard zu bringen, ist wichtig.
Und das alles, damit man im Abitur eine Aufgabe bekommt, zu der man sich den gewünschten Rahmen, „was gehört rein und was nicht?“, aus der Nase ziehen muss. Würde der Lehrer selbst entscheiden können, wie er die Aufgabe behandelt, es wäre immerhin diskussionswürdig. Doch zu den fulminanten Aufgaben gesellen sich auch noch mindestens ebenbürtige „Musterlösungen“. Hieran hält sich der einzelne Lehrer natürlich, und man kann es ihm nicht einmal groß verübeln. Er ist immerhin genauso aufgeschmissen wie der Schüler.

Weil es so schön ist, noch eine zentrale Übungsaufgabe, die übrigens diejenige war, die mich zum Schreiben dieses Beitrags veranlasst hat. Es liegt eine Rede von Präsident Mbeki vor. Es gibt drei Aufgaben. Zusammenfassen seiner Ziele, sowie die Interpretation dessen, was er mit einer bestimmten Passage meint. Soweit nichts Böses. Doch dann, haha, Aufgabe drei, „Kreativteil“!

„Transform the main ideas of this speech into a web page for the institution“

Mhm, genau. Informatik gehört nicht zu Englisch, der HTML-Code wird also nicht gemeint sein. Aber die Aufgabe soll die Jugend natürlich auf eine vernetzte, komplette online-Zukunft vorbereiten. Der mündige Abiturient steht vor einem Dilemma. Es gibt für ihn viele ungeklärte Fragen:

  • Was für eine Art Text ist geeignet für eine Homepage?
  • Was denkt der Aufgabensteller, was für eine Art Text geeignet ist?
  • Wie bringe ich meinem Heft ganz schnell HTML bei, um die Links funktionieren zu lassen?
  • Soll ich IM ERNST einen Text schreiben, den jemand im Internet lesen würde? (Stichwort „Aufmerksamkeitsspanne“ – er wäre wahrscheinlich so kurz, dass es Punktabzug hagelte)

Kurzum: Das gleiche Problem wie bei der Lexikon-Aufgabe, nur 1000mal schlimmer. Was wäre so schlimm daran, ein Essay mit persönlicher Meinung ans Ende der Klausur zu setzen? Das wäre nicht zu altmodisch, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe! Man hat es bei Abiturienten mit 18 bis 20-Jährigen zu tun, die so etwas wie die Elite des Landes darstellen sollten – oder zumindest theoretisch könnten. Aber nein, es muss ja krampfhaft zukunftsgerichtet sein und irgendetwas Innovatives in der Aufgabe vorkommen. Demnächst erarbeitet man die Abiklausur in Gruppen, und stellt die Gefühlslandschaft des Protagonisten in einem Standbild dar. Der Protagonist ist natürlich ein hipper Familienvater, der Erziehungszeit nimmt, ein Buch darüber schreibt, und deswegen von seinen Freunden als Weichei hingestellt wird und einen schwarzen Touran (2.0 TDI) fährt. Ich warte drauf.

Das beste allerdings habe ich noch gar nicht erwähnt. Der Großteil des letztjährigen Englisch-LKs konnte nach der Abiturklausur folgendermaßen zitiert werden: „Also das hätte ich auch ohne Lernen gekonnt.“ Natürlich kann das Spruchgeklopfe sein, natürlich hat nicht jeder 15 Punkte geschrieben, und beurteilen kann es im Vergleich zum non-Zentralabi sowieso niemand.

Fakt ist jedoch: Zu jeder Aufgabenstellung (man kann aus zwei auswählen) bildet ein Text die Grundlage. Man hat also einiges zum „Festhalten“, und wenn z.B. auf sprachliche Mittel im Text eingegangen werden soll, ist das Sachwissen nicht beansprucht. Das soll jetzt kein „es ist ja alles nicht so schlimm“ sein. Es zeigt vielmehr umso stärker, dass die bereits erwähnte, unendlich breite, aber oberflächliche Bildung forciert wird. Weniger Abiturienten wären schließlich kein Erfolg für das Zentralabitur. Die Frage ist nur: Wer möchte einen Erfolg dieser Art?

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2 Antworten to “Zentralabitur live”

  1. Kadde Says:

    Das war doch heute das Gespräch in Bio?!
    Aber ja, gut auf den Punkt gebracht. (:

    Das schicken wir nach Kiel.

  2. Zentralabitur - Randnotiz « Gedanken & Kommentare Says:

    […] Deutschland, Politik, Schleswig-Holstein | Wer hätte das gedacht? Die bereits angesprochene Problematik des Zentralabiturs am Beispiel Englisch gewann heute für einen kleinen Teil unseres Jahrgangs geradezu an […]

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